Kindheitliche Prägungsmuster

Blog · Prägung · 3 Min. Lesezeit

Mein Kind bringt mich auf die Palme, und ich verstehe nicht warum

Bei einer bestimmten Sache rastest du aus, obwohl sie harmlos ist. Warum ausgerechnet dort, und was diese Stelle über deine eigene Kindheit verrät.

Von Fabian Schaub · 4. Mai 2026

Es gibt Dinge, die dein Kind macht, die dich einfach nerven. Normal, das kennt jeder.

Und dann gibt es diese eine Sache. Bei der geht bei dir etwas hoch, das viel größer ist als der Anlass.

Vielleicht ist es das Quengeln. Vielleicht, wenn es nicht hört. Vielleicht, wenn es weint, obwohl nichts passiert ist. Vielleicht, wenn es frech wird.

Hinterher stehst du da und denkst: Was war das denn gerade?

Der wichtigste Hinweis liegt in der Auswahl

Es ist nie zufällig, welche Sache dich so trifft.

Andere Eltern regen sich über etwas völlig anderes auf. Deine eigene Reizschwelle ist bei einer bestimmten Sache besonders niedrig, und genau dort liegt die Information.

Die Frage lautet also nicht: Wie werde ich geduldiger?

Sondern: Warum ausgerechnet das?

Was da eigentlich passiert

Dein Kind tut etwas, das du selbst nicht durftest.

Das ist der häufigste Zusammenhang, und wenn du ihn einmal gesehen hast, erklärt er fast alle diese Momente.

Ein Beispiel: Dein Kind weint wegen einer Kleinigkeit, und du wirst sofort hart. Dann lohnt die Frage: Durftest du weinen, ohne abgelenkt oder bestraft zu werden?

Wenn du früh gelernt hast, dass Weinen nicht in Ordnung ist, dann hast du dieses Bedürfnis in dir weggeschlossen. Und wenn jemand vor dir genau das tut, was du dir selbst verboten hast, springt der alte Wächter an.

Es fühlt sich an wie Ärger über das Kind. Es ist aber der Ärger, den du damals nicht haben durftest, plus die Anstrengung, das eigene Bedürfnis weiter wegzuhalten.

Manchmal läuft es auch umgekehrt: Dein Kind lebt genau das, was du dir verbietest. Ich erinnere mich an ein Coaching mit einer Mutter. Ihre Tochter war sieben, prügelte sich in der Schule und war Weltmeisterin im Kinder-Taekwondo. Ich habe sie gefragt: Kannst du irgendwo zurückschlagen? Nein. Kannst du schreien? Nein. Und wie ist das bei Konflikten mit deinem Mann? Sie hatte keine, sie machte einfach alles, was er sagte.

Da habe ich zu ihr gesagt: „Wenn du mit deiner Tochter zusammen ein Mensch wärst, dann wärt ihr ja vollständig.“ Die Mutter hält alles zurück, die Tochter schlägt alles kurz und klein, was ihr nicht gefällt. Das Kind trägt den Teil, den die Mutter nicht zeigen darf.

Darüber spreche ich in Folge 13 des Podcasts: Warum bin ich so wütend auf meine Mutter?

Die zweite Variante: das Kind fordert, was dir fehlte

Ein Kind braucht Zuwendung. Ständig, unverhandelbar, ohne Rücksicht auf deine Kapazität.

Wenn du selbst wenig bekommen hast, ist das eine schwere Aufgabe. Nicht weil du dein Kind nicht liebst, sondern weil du etwas geben sollst, das du nie in ausreichender Menge bekommen hast.

Viele Eltern erleben genau an dieser Stelle etwas, das sie sich nicht erklären können: Wut, die kommt, obwohl das Kind nichts Falsches tut.

Das ist keine Schuld. Es ist ein leerer Tank, der Nachschub geben soll.

Warum es abends und unter Druck passiert

Diese Reaktionen laufen nicht über den Kopf. Sie sind schneller.

Deshalb greifen sie genau dann, wenn du müde, gestresst oder überfordert bist. Also dann, wenn die bewusste Steuerung nachlässt.

Das ist der Grund, warum gute Vorsätze morgens funktionieren und abends nicht.

Was tatsächlich hilft

Erstens: die Stelle kennen. Schreib auf, bei welcher Sache es bei dir hochgeht. Meistens sind es zwei oder drei.

Zweitens: die alte Frage stellen. Zu jeder dieser Sachen: Durfte ich das? Was ist passiert, wenn ich es getan habe?

Bei den meisten kommt an dieser Stelle eine sehr klare Erinnerung. Und ab da ist das Thema nicht mehr Erziehung, sondern deine eigene Geschichte.

Drittens: reparieren. Du wirst trotzdem manchmal laut. Entscheidend ist, was danach passiert.

Ein Satz wie "Das eben war zu laut von mir, das hatte nichts mit dir zu tun" ist mehr wert als jede perfekt beherrschte Situation. Dein Kind lernt daraus, dass Beziehung Fehler aushält. Das haben viele Erwachsene als Kind nie erlebt.

Und der eigentliche Trost

Dass dir das auffällt, ist das Entscheidende.

Wer wirklich einfach so weitermacht wie seine Eltern, stellt sich diese Frage nicht. Sie kommt gar nicht auf.

Allein die Tatsache, dass du dir Sorgen darüber machst, zeigt, dass du hinschaust. Und Hinschauen ist die ganze Voraussetzung dafür, dass sich etwas ändert.

Mehr dazu steht in diesem Beitrag. Und wie du an das eigene Thema herangehst, ohne in Vorwürfe zu kippen, steht in diesem hier.

Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Fabian Schaub

Der Autor

Fabian Schaub

Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte

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