Kindheitliche Prägungsmuster

Blog · Prägung · 4 Min. Lesezeit

Die Beziehung zu deiner Mutter anschauen, ohne ihr etwas vorzuwerfen

Du willst dein Mutterthema anschauen, ohne in Schuldzuweisungen zu landen. Warum es nicht um Vorwürfe geht und was der erste Schritt tatsächlich ist.

Von Fabian Schaub · 17. Juli 2026

Vielleicht hast du schon gemerkt, dass da etwas liegt. Vielleicht hat es jemand gesagt, und du hast erst abgewinkt.

Und dann kommt sofort der Widerstand: Meine Mutter hat getan, was sie konnte. Sie hatte es selbst nicht leicht. Ich will ihr nichts vorwerfen.

Der Widerstand ist berechtigt. Er ist nur an der falschen Stelle.

Denn es geht nicht um Vorwürfe. Es geht um etwas ganz anderes.

Warum Schuld nichts bringt

Zuerst das, was nicht funktioniert.

Deiner Mutter die Schuld zu geben, verändert genau nichts. Es fühlt sich kurz erleichternd an und bindet dich danach fester an die Geschichte als vorher.

Denn solange die Ursache bei ihr liegt, liegt auch die Lösung bei ihr. Und dann wartest du auf etwas, das vielleicht nie kommt: eine Einsicht, eine Entschuldigung, ein Gespräch, in dem sie versteht.

Die meisten Menschen warten darauf jahrelang. Manche ein Leben lang.

Ich habe das gerade wieder in meiner eigenen Familie erlebt. Wenn ein erwachsener Mensch zu seiner Mutter sagt: Weil du das so gemacht hast, bin ich heute so, und deshalb ist mein Leben schlecht, dann sagt er gleichzeitig: „Und deswegen bin ich voll ohnmächtig und kann gar nichts daran ändern. Was für eine Katastrophe, oder?“ Jeder Vorwurf an die Mutter heißt am Ende: Nur du kannst es in dir lösen. Das ist keine schlechte Nachricht. Es ist die einzige, mit der du etwas anfangen kannst.

Worum es stattdessen geht

In den ersten Lebensjahren hast du gelernt, wie Beziehung funktioniert. Nicht aus Erzählungen, sondern aus Erfahrung.

Ob jemand kommt, wenn du etwas brauchst. Ob genug da ist. Ob du anderer Meinung sein darfst. Ob du gesehen wirst, auch ohne zu leisten.

Was du damals gelernt hast, war für damals meistens richtig. Ein Kind, das gemerkt hat, dass es sich besser zurücknimmt, hatte einen Grund dafür.

Das Problem ist nicht, dass du es gelernt hast. Das Problem ist, dass es seitdem nie überprüft wurde.

Du triffst heute Entscheidungen nach einer Regel, die für ein Leben aufgestellt wurde, das du seit dreißig Jahren nicht mehr führst.

Genau darum geht es beim Anschauen. Nicht: Wer ist schuld? Sondern: Was habe ich gelernt, und stimmt das heute noch?

Warum das nicht über ein Gespräch mit ihr läuft

Viele denken, der Weg sei ein klärendes Gespräch.

Manchmal ist das schön. Meistens führt es nicht dahin, wo du hinwillst.

Deine Mutter kann dir nicht geben, was damals gefehlt hat. Nicht weil sie nicht wollte, sondern weil die Zeit vorbei ist. Ein Erwachsener kann nicht nachträglich das Kind sein, das jemand anders hätte halten sollen.

Und sie wird die Geschichte anders erinnern als du. Das ist normal. Es führt aber dazu, dass du mit ihr über Fakten streitest, während es um dein Erleben geht.

Viele wollen nach einem ersten tiefen Coaching sofort die Mutter anrufen und fragen, was damals eigentlich los war. Ich sage dann: 30 Tage nicht darüber reden. Nicht mit ihr, und auch nicht ständig mit anderen. Was gerade in dir in Bewegung gekommen ist, braucht diese Zeit für sich, statt sofort wieder im alten Gespräch zu landen.

Die Arbeit findet auf deiner Seite statt. Das klingt erst mal einsamer, als es ist. Es ist auch der einzige Ort, an dem du wirklich etwas bewegen kannst.

Wie der Einstieg aussieht

Drei Fragen. Nimm dir Zeit dafür, und schreib die Antworten auf, statt nur nachzudenken.

Was habe ich als Kind gebraucht und nicht bekommen?

Nicht anklagend, sondern beschreibend. Beispiele: gehalten werden ohne Anlass. Wütend sein dürfen. Gefragt werden, wie es mir geht.

Was habe ich stattdessen gemacht?

Hier kommt meistens die Überlebensstrategie. Ich war brav. Ich war lustig. Ich habe funktioniert. Ich habe mich gekümmert. Ich habe mich unsichtbar gemacht.

Wo mache ich das heute noch?

Das ist die entscheidende Frage. Denn die Strategie von damals läuft weiter, auch wenn die Situation längst eine andere ist.

Was dabei hochkommt

Ehrlich gesagt: oft Trauer.

Nicht Wut auf jemanden, sondern Trauer über etwas, das gefehlt hat. Und das ist ein guter Ort, auch wenn er sich nicht so anfühlt.

Mein Vater ist 2003 gestorben. In Gruppen und auf der Bühne habe ich diese Geschichte oft erzählt. Mit meiner Mutter habe ich nie über seinen Tod gesprochen. Das Thema war nie mein Vater. Das Thema war, dass ich gelernt hatte, ihr nichts zu zeigen.

Was sich bei mir verändert hat, kam nicht aus einem Gespräch mit ihr. Es kam aus der Arbeit auf meiner Seite: aus der inneren Trennung von ihr. Lange waren meine Mutter und ich in meinem Erleben eins. Heute begegnen sich zwei eigenständige Menschen, Mutter und Sohn. Und mir ist klar geworden: Meine Mutter ist viel überlebensfähiger und kompetenter, als ich das in meiner Vorstellung als Kind abgespeichert hatte.

Danach hat sich in meinen Beziehungen etwas verändert, das vorher mit keiner Technik zu bewegen war. Mehr dazu in Folge 13 des Podcasts: Warum bin ich so wütend auf meine Mutter?

Was das nicht ist

Es ist kein Projekt, das man an einem Wochenende erledigt.

Es ist einfach der Ort, an dem die Antworten liegen. Warum das für die Partnerwahl so entscheidend ist, steht in diesem Beitrag. Und wie sich alte Geschichten immer wieder neu aufführen, steht in diesem hier.

Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Fabian Schaub

Der Autor

Fabian Schaub

Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte

Beziehung neu lernen

Du weißt, was du sagen willst. Und schluckst es trotzdem herunter.

Oder du hältst es so lange zurück, bis es herausbricht, und hast danach ein schlechtes Gewissen. Dahinter steckt ein kindheitliches Prägungsmuster aus deinen ersten sieben Lebensjahren. In Beziehung neu lernen übst du in echten Situationen, auszusprechen, was in dir los ist, und dabei im Kontakt zu bleiben.

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