Blog · Prägung · 3 Min. Lesezeit
Ich habe Angst, so zu werden wie meine Eltern
Du hörst dich reden wie deine Mutter oder dein Vater und erschrickst. Warum das passiert und warum allein die Sorge darüber schon etwas bedeutet.
Von Fabian Schaub · 29. Juli 2026
Es passiert im Vorbeigehen. Dein Kind macht etwas, du reagierst, und während du den Satz sagst, hörst du, wer da spricht.
Genau derselbe Ton. Manchmal genau dieselben Worte.
Und dann bleibt dieses Gefühl im Bauch, mit dem du nichts anfangen kannst.
Wenn du das kennst, bist du damit sehr viel weniger allein, als du denkst. Es ist eine der häufigsten Sorgen von Eltern überhaupt, und sie wird selten laut ausgesprochen.
Das Erste, was du wissen solltest
Allein die Tatsache, dass du diese Sorge hast, zeigt, dass du reflektieren kannst.
Das ist kein Trostpflaster, das ist der eigentliche Punkt. Wer wirklich einfach weitermacht wie seine Eltern, stellt sich die Frage nicht. Sie kommt gar nicht auf.
Die Sorge selbst ist der Beweis, dass du hinschaust. Und Hinschauen ist die ganze Voraussetzung dafür, dass sich etwas ändert.
Warum es trotzdem passiert
Du hast dir das nicht ausgesucht.
In deinen ersten Lebensjahren hast du gelernt, wie Beziehung geht. Nicht als Theorie, sondern als Körpererfahrung. Und dazu gehört auch, wie man reagiert, wenn ein Kind an einer Grenze rüttelt.
Diese Programme laufen nicht in deinem Kopf, sondern schneller. Deshalb greifen sie genau dann, wenn du gestresst, müde oder überfordert bist. Also genau dann, wenn du sie am wenigsten gebrauchen kannst.
Das ist kein Charakterfehler. Es ist eine alte Datei, die nie überschrieben wurde.
Und es geht nicht nur um das, was du tust, sondern auch um das, was du über dich denkst. Ein Kind käme nie von selbst auf die Idee, nicht gut genug zu sein. Diesen Gedanken hat es irgendwo her, meistens von Mutter oder Vater. Oft, ohne dass er je laut ausgesprochen wurde. Ein kleines Kind ist noch so eng mit seiner Mutter verbunden, dass es ihre Gefühle mitfühlt, als wären es seine eigenen.
Darüber spreche ich in Folge 8 des Podcasts: Warum bin ich nie genug?
Der Denkfehler, der es schwerer macht
Viele nehmen sich vor, alles anders zu machen als die eigenen Eltern.
Das klingt richtig und hat einen Haken: Wer sich vornimmt, das Gegenteil zu tun, orientiert sich immer noch an derselben Vorlage.
Wer als Kind zu streng erzogen wurde, ist dann oft zu nachgiebig. Wer zu wenig Aufmerksamkeit bekam, kann später kaum Grenzen setzen.
Das Gegenteil eines Musters ist kein freies Verhalten. Es ist dasselbe Muster, nur umgedreht.
Was tatsächlich hilft
Erstens: die Momente kennen, in denen es passiert.
Es ist nie zufällig. Achte auf die Umstände: Wenn du müde bist. Wenn du unter Zeitdruck stehst. Wenn dein Kind etwas tut, das dich besonders trifft.
Diese besondere Reizbarkeit an einer bestimmten Stelle ist der wichtigste Hinweis. Sie zeigt, wo bei dir selbst etwas offen ist.
Zweitens: die eigene Frage stellen.
Wenn dein Kind weint und du sofort wegdrücken willst, dann lohnt eine Frage an dich selbst: Durftest du als Kind weinen, ohne abgelenkt oder bestraft zu werden?
Wenn dein Kind wütend wird und du sofort Härte spürst: Durftest du wütend sein?
Meistens liegt die Antwort dort. Und dann geht es nicht mehr um Erziehung, sondern um deine eigene Geschichte.
Drittens: reparieren statt perfekt sein.
Kein Elternteil bleibt ruhig. Entscheidend ist nicht, dass du nie ausrastest. Entscheidend ist, was danach passiert.
Ein Kind, dem gesagt wird: Das eben war zu laut von mir, das hatte nichts mit dir zu tun, lernt etwas Wertvolles. Es lernt, dass Beziehung Fehler aushält.
Genau das haben viele Erwachsene als Kinder nie erlebt. Und genau das ist es, was du weitergeben kannst.
Der Zusammenhang, der dahinter steht
Was ein Kind in seinen ersten sieben Lebensjahren lernt, trägt es weiter, bis es angeschaut wird. Mehr dazu steht in diesem Beitrag.
Deshalb ist die Arbeit an deiner eigenen Geschichte kein Egoprojekt. Sie ist das Praktischste, was du für dein Kind tun kannst.
Wie du an das Mutterthema herangehst, ohne in Vorwürfe zu kippen, steht in diesem Beitrag.
Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Der Autor
Fabian Schaub
Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte
Beziehung neu lernen
Du weißt, was du sagen willst. Und schluckst es trotzdem herunter.
Oder du hältst es so lange zurück, bis es herausbricht, und hast danach ein schlechtes Gewissen. Dahinter steckt ein kindheitliches Prägungsmuster aus deinen ersten sieben Lebensjahren. In Beziehung neu lernen übst du in echten Situationen, auszusprechen, was in dir los ist, und dabei im Kontakt zu bleiben.
Übungen ab dem ersten Tag, jede Woche ein Live-Call, in der ersten Woche ein persönliches Gespräch mit einer Wegbegleiterin. Einstieg jederzeit.
Noch nicht sicher, ob das zu dir passt? Der Charaktertest ist kostenfrei und dauert rund acht Minuten.
Weiterlesen
Prägung · 6 Min.
Abnabeln von der Mutter: Warum der Platz neben dir noch besetzt ist
Abnabeln von der Mutter heißt nicht Kontaktabbruch. Es heißt, sie innerlich zu verlassen, damit Platz für eine Partnerin oder einen Partner wird.
Prägung · 6 Min.
Guten Coach erkennen: Die eine Frage, die du im Erstgespräch stellen solltest
Einen guten Coach erkennst du nicht am Zertifikat. Frag im Erstgespräch: Wie war es mit Ihrer Mutter? Die Antwort zeigt, wie weit er selbst geschaut hat.
Prägung · 5 Min.
Parentifizierung bei Erwachsenen: Wenn du dich ständig um deine Eltern kümmerst
Du rufst täglich an, zahlst mit, springst ein, wenn deine Mutter traurig klingt? Parentifizierung bei Erwachsenen und was sie mit deiner Beziehung macht.