Kindheitliche Prägungsmuster

Blog · Beziehung · 4 Min. Lesezeit

Wir streiten immer über dasselbe: Woran das wirklich liegt

Egal worüber es angeblich geht, du landest mit deinem Partner am selben Punkt. Das ist kein Kommunikationsproblem. Da werden zwei alte Geschichten an einem Tisch verhandelt.

Von Fabian Schaub · 5. September 2026

Du magst deinen Partner, und beide wollen, dass es funktioniert. Bücher hast du schon gelesen, Podcasts gehört.

Und trotzdem: Es fängt mit der Spülmaschine an, mit dem Handy, mit einem Tonfall. Und zwanzig Minuten später stehst du wieder an derselben Stelle wie letzten Monat.

Danach sind beide erschöpft, und keiner weiß mehr genau, worum es eigentlich ging.

Der Satz, der alles erklärt

Du streitest nicht über das, worüber du streitest.

Der Abwasch ist nicht der Abwasch. Das Handy ist nicht das Handy. Das sind die Oberflächen, an denen sich etwas entzündet, das viel älter ist als deine Beziehung.

Du streitest über das, was du als Kind nicht bekommen hast. Und dein Partner über das, was ihm gefehlt hat.

Wie das praktisch aussieht

Ein Beispiel, wie es tausendfach vorkommt.

Sie sagt: Du bist nie richtig da, auch wenn du da bist. Er sagt: Ich arbeite doch für uns, was willst du noch.

Auf der Oberfläche geht es um Arbeitszeit. Darunter stehen zwei völlig verschiedene Sätze.

Ihr Satz lautet ungefähr: Sehe ich dich überhaupt, wenn ich dich brauche? Diese Frage ist alt. Sie hat sie sich als Kind schon gestellt.

Sein Satz lautet: Reicht es endlich, was ich leiste? Auch diese Frage ist alt.

Beide reden über die Woche. Beide meinen ihre Kindheit. Und deshalb löst kein Kompromiss den Streit. Die beiden können sich auf Arbeitszeiten einigen, so oft sie wollen. Die beiden alten Fragen bleiben unbeantwortet.

Warum ausgerechnet dieser Mensch

Jetzt kommt der Teil, der weh tut und gleichzeitig entlastet.

Du hast deinen Partner nicht zufällig gefunden.

Menschen suchen sich, ohne es zu wissen, jemanden, bei dem ihr eigenes altes Thema wieder vorkommt. Wer als Kind viel getragen hat, findet jemanden, der getragen werden will. Wer gelernt hat, dass Nähe eng wird, findet jemanden, der Abstand braucht.

Das passt zusammen wie zwei Teile. Nur passt es an genau der Stelle zusammen, an der beide verletzt sind.

Der Paartherapeut Jürg Willi hat dafür einen Fachbegriff benutzt: Kollusion. Du musst das Wort nicht kennen. Wichtig ist die einfache Fassung: Zwei Menschen mit derselben alten Wunde finden sich, und später streiten sie genau darüber.

Mehr dazu steht in diesem Beitrag.

Warum Kommunikationsregeln nicht reichen

Vielleicht hast du es schon probiert. Ich-Botschaften. Nicht im Streit über Grundsätzliches reden. Time-out vereinbaren.

Das ist alles gut und es hilft für ein paar Wochen.

Dann kippt es wieder. Nicht weil du es falsch gemacht hast, sondern weil Technik an der Oberfläche arbeitet und das Thema darunter liegt.

Ich habe einmal einen bekannten Redner gehört, der genau das erklärt hat. Statt „Du hast schon wieder die Socken liegen lassen“ solle man sagen: Ich hatte einen anstrengenden Tag, ich freue mich auf dich, und wenn die Socken nicht im Flur lägen, fiele es mir leichter, für dich da zu sein. Das ist freundlicher formuliert. Im Kern heißt es aber immer noch: Wenn du dich so verhältst, wie es für mich richtig ist, geht es mir besser.

Mein erster Impuls war: Klär doch einfach die Sache mit deiner Mutter, dann stresst dich die Socke im Flur nicht mehr. Etwas rauer habe ich das in Folge 10 des Podcasts gesagt: Warum ziehe ich immer Narzissten an?

Streng genommen gibt es kein Paarproblem. Es gibt zwei einzelne Themen, deins und das deines Partners, die im selben Raum gleichzeitig anspringen. Und solange jeder versucht, sein Thema zu lösen, indem der andere sich ändert, dreht sich der Streit im Kreis. Darum geht es auch in Folge 1: Warum bin ich beziehungsunfähig?

Wenn in einem Streit dein altes Gefühl anspringt, dann bist du in dem Moment nicht 38. Ein Teil von dir ist vier. Und mit einem Vierjährigen kann man keine Gesprächsregeln vereinbaren.

Was tatsächlich hilft

Der erste Schritt ist kleiner, als du denkst.

Nimm dir den letzten Streit vor. Nicht um ihn zu klären, sondern um ihn anzuschauen. Und stell dir eine einzige Frage:

Welches Gefühl war da, kurz bevor ich laut wurde oder dichtgemacht habe?

Nicht der Gedanke. Das Gefühl.

Meistens kommt etwas wie: übergangen. Nicht gesehen. Nicht gut genug. Allein.

Und dann die zweite Frage: Wann kenne ich dieses Gefühl zum ersten Mal?

Wenn dein Partner dasselbe für sich macht und du ihm deine Antwort sagst, ist das oft das erste Gespräch seit Monaten, in dem keiner recht haben muss.

Wenn du wissen willst, an welchen Stellen Beziehungen typischerweise kippen, steht das in diesem Beitrag.

Und wenn es nicht reicht

Manchmal kommt man zu zweit nicht weiter, weil beide mitten drin stecken. Das ist keine Schwäche, das ist die Regel. Zwei Menschen können sich nicht gegenseitig aus dem Wasser ziehen, wenn beide drin stehen.

Dann braucht es jemanden von außen, der sieht, was zwischen dir und deinem Partner läuft.

Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Fabian Schaub

Der Autor

Fabian Schaub

Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte

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