Blog · Beziehung · 7 Min. Lesezeit
Kollusion in der Beziehung: Warum du dir jemanden mit derselben Verletzung suchst
Kollusion in der Beziehung: Zwei Menschen mit derselben Kindheitsverletzung finden sich und streiten später genau darüber. Jürg Willi beschrieb das 1975.
Von Fabian Schaub · 3. September 2026

Peter ist Feuerwehrmann, kräftig, laut, auf jedem Fest der Mittelpunkt. Susi ist Bibliothekarin, klein, ruhig, hält sich lieber im Hintergrund. Auf den ersten Blick passen die beiden nicht zusammen. Trotzdem finden sie sich, verlieben sich schnell, und nach einem Jahr sind sie zusammengezogen.
Kollusion in der Beziehung heißt: Zwei Menschen mit derselben frühen Kindheitsverletzung finden sich anziehend und streiten später genau über diese Verletzung. Der Paartherapeut Jürg Willi hat das 1975 in seinem Buch über die Zweierbeziehung beschrieben. Peter und Susi zeigen, wie das konkret aussieht.
Peter und Susi: gleiche Wunde, andere Verpackung
Peter sagt mit seinem ganzen Auftreten: Ich habe so viel, ich kann die ganze Welt versorgen. Susi sagt mit ihrer Zurückhaltung das Gegenteil: Ich habe so wenig, könntest du mir etwas abgeben? Beide tragen im Kern dasselbe Thema, ein verhungertes Kind, das nie genug bekommen hat. Nur haben sie es entgegengesetzt gelöst. Peter kompensiert nach außen, Susi nach innen.
Am Anfang passt das perfekt zusammen. Peter gibt, Susi nimmt, beide fühlen sich wirklich gesehen. Ihr gemeinsames Ich-Ideal lautet, ohne dass es je ausgesprochen wird: Zusammen haben wir unendlich viel.
Wie das Prinzip funktioniert: erst Beispiel, dann Begriff
Was bei Peter und Susi passiert, heißt Kollusion, von lateinisch colludere, zusammen spielen. Der Begriff wird auch als Klebstoff beschrieben, weil er die beiden von Anfang an fest zusammenhält. Es gibt im Kern vier solcher Grundthemen, die sich in der Partnerwahl wiederfinden können: ein Thema rund um Vertrauen und Nähe, eines rund um Versorgung, eines rund um Macht und Autonomie, eines rund um Leistung und Gesehenwerden.
Du suchst dir also nicht den Menschen, der dir am ähnlichsten ist. Du suchst dir jemanden, der dasselbe Grundthema mitbringt, oft an einer Stelle, die du selbst nie benennen würdest.
Wichtig dabei: Nicht jeder Mensch mit demselben Grundthema passt automatisch zu jedem anderen mit demselben Thema. Zwei Menschen mit demselben Versorgungsthema können trotzdem über Macht oder Autonomie in Streit geraten. Es gibt keine feste Formel, die vorhersagt, welches Thema bei welchem Paar am Ende laut wird, das zeigt sich erst im gemeinsamen Erleben.
Kollusion in der Beziehung: wann sie gesund bleibt und wann nicht
Kollusion in der Beziehung heißt nicht automatisch Beziehung mit Ablaufdatum. Das Thema selbst verschwindet nicht, aber ob es dich und deinen Partner verbindet oder auseinanderreißt, entscheidet sich daran, ob es ausgesprochen oder stumm gegeneinander ausgetragen wird. Peter und Susi können jahrelang zusammenbleiben, wenn beide irgendwann sagen, ich merke, dass ich hier automatisch reagiere, das ist mein altes Thema, nicht deins. Bleibt es dagegen unausgesprochen, wiederholt sich derselbe Streit über Jahre in immer neuen Verkleidungen, mal ums Geld, mal um Zeit, mal um die Familie des anderen. Der Unterschied liegt nicht darin, ob Kollusion da ist, sie ist fast immer da, sondern darin, was beide daraus machen.
Warum der Streit erst nach der Verliebtheit kommt
Solange die Verliebtheit trägt, spielt die gemeinsame Wunde keine Rolle, sie fühlt sich sogar wie das genaue Gegenteil an. Nach einem halben bis dreiviertel Jahr lässt diese Phase nach, und genau dann beginnt der Streit über das, was beide in sich selbst noch nicht gelöst haben, aber im anderen sofort erkennen. Peter wird Susi irgendwann als klammernd erleben, Susi wird Peter als rücksichtslos erleben, obwohl beide am Anfang genau das Gegenteil aneinander geliebt haben.
Warum Paare sich trennen, statt hinzusehen
Trennt sich ein Paar an dieser Stelle, folgt fast immer eine Schuldzuweisung. Er ist zu viel. Sie ist zu bedürftig. Das ist für die Psyche leichter zu ertragen, als anzuerkennen, dass du selbst am gleichen Thema hängst. Wer sich trennt, ohne hinzusehen, sucht sich danach häufig wieder jemanden mit derselben Verletzung, nur anders verpackt. Nicht mehr der Feuerwehrmann, sondern der Polizist. Nicht mehr die Bibliothekarin, sondern die Kellnerin. Das Muster bleibt dasselbe.
Das beliebteste Wort für diese Schuldzuweisung ist heute Narzisst. Gefühlt hat jeder im Dating irgendeinen Narzissten an der Backe. Wenn du nachfragst, was das eigentlich ist, wird es schnell still, und übrig bleibt: Der hat es nicht so gemacht wie ich.
Ich drehe die Frage deshalb um. Wer sagt, der andere ist der Narzisst: Was hat diese Person bei sich selbst noch nicht gesehen? Die Kernfrage ist immer: Was ist mein Teil? Wie trage ich dazu bei, dass ich das immer wieder erlebe? Denn zu jedem Narzissten in dieser Geschichte gehört ein Gegenüber, das dasselbe frühe Thema trägt, nur in der anderen Rolle. Am Anfang sind beide in einem vollkommenen Wir verschmolzen. Sobald aus dem Wir zwei Ichs werden, entsteht Streit, und keiner weiß, wie er mit dem Gefühl umgehen soll, das dabei hochkommt.
Wenn du dich also mit Narzissmus beschäftigst, schau dir an, wie es dem Gegenüber geht, was in seiner Welt passiert ist und warum er in diesem Spiel immer noch mitspielen will. Das Wort Narzisst nimmt dir niemand weg. Du bekommst nur eine Frage dazu, die dich zu dir selbst führt.
Darüber spreche ich in Folge 10 des Podcasts: Warum ziehe ich immer Narzissten an?
Wo dieses Thema seinen Ursprung hat
Das Grundthema, über das du deinen Partner findest und später mit ihm streitest, ist in den ersten sieben Lebensjahren entstanden, in der Zeit, in der du gelernt hast, wie viel Vertrauen möglich ist, ob für dich gesorgt wird, wie viel Macht du hattest und wie viel du leisten musstest, um gesehen zu werden. Diese frühe Landkarte bestimmt, welche Menschen sich für dich vertraut und damit anziehend anfühlen, lange bevor du bewusst irgendetwas entscheidest.
Was das mit Geld zu tun hat
Dasselbe Grundthema, das deine Beziehung trägt und später zum Streit wird, zeigt sich oft auch beim Geld. Wer Susis Thema in sich trägt, fühlt sich beim Geld schnell zu kurz gekommen, egal wie viel tatsächlich da ist. Wer Peters Thema in sich trägt, gibt großzügig, manchmal bis über die eigene Grenze, weil Geben sich sicherer anfühlt als Nehmen.
Das erklärt, warum Streit ums Geld in Beziehungen so selten wirklich ums Geld geht. Er geht um dieselbe Wurzel wie dein Beziehungsthema, nur mit anderen Zahlen davor.
Wo sich das Thema noch zeigt, außer in der Beziehung
Kollusion beschränkt sich nicht auf den Partner. Reinszenierung heißt, dass du dasselbe Grundthema auch anderswo aufführst, mit einem Kollegen, mit einer Freundin, sogar im Umgang mit dir selbst. Wer beim Partner schnell klammert, klammert oft auch beim besten Freund. Wer beim Partner großzügig über die eigene Grenze geht, tut das häufig auch im Job.
Das macht das Thema nicht kleiner, aber leichter zu erkennen. Du musst nicht auf die perfekte Beziehungssituation warten, um dein Muster zu sehen. Jeder Kontakt, in dem du eine unverhältnismäßig starke Reaktion in dir spürst, zeigt dir denselben Hinweis.
Deine Prägung bleibt, dein Erleben ändert sich
Kollusion aufzulösen heißt nicht, sich zu trennen. Es heißt, dass beide erkennen, dass sie eigentlich keinen Partner brauchen, sich aber trotzdem für einen entschieden haben. Deine Grundausstattung ändert sich dadurch nicht. Was sich ändert, ist, ob du dein Thema automatisch wiederholst oder bewusst damit umgehst.
Was du jetzt tun kannst
- 1Schreib auf, was du an deinem Partner oder deiner Partnerin am Anfang am meisten geliebt hast.
- 2Schreib daneben, worüber du mit ihm oder ihr inzwischen am häufigsten streitest.
- 3Prüfe, ob beides dieselbe Wurzel hat, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Wer diese Übung ehrlich macht, findet sein Kollusionsthema meistens innerhalb weniger Minuten. Der nächste Schritt ist schwerer als das Erkennen: das Thema aussprechen, statt es weiter stumm gegeneinander auszutragen. Das ist Klartext, keine Diplomatie, und genau deshalb braucht es Übung.
Welches der vier verletzten Kinder bei dir wählt, liest du in Inneres Kind und Beziehung. Mehr zum Zeitpunkt, an dem Kollusion sichtbar wird, findest du in Warum halten meine Beziehungen nicht lange. Wenn du prüfen willst, ob du grundsätzlich immer denselben Typ wählst: Beziehungsmuster erkennen zeigt dir, wie. Mehr zum Modul über Kollusion findest du auch in der Community unter Beziehung neu lernen. Den Überblick über alle Beiträge zum Thema gibt der Hub Beziehungsmuster.
Häufige Fragen
Was bedeutet Kollusion in der Beziehung genau?
Kollusion bedeutet, dass zwei Menschen sich finden, weil sie dieselbe frühe Kindheitsverletzung mitbringen, meist entgegengesetzt kompensiert. Am Anfang fühlt sich das wie perfekte Passung an, später wird genau dieses Thema zum Streitpunkt.
Ist Kollusion ein negatives Zeichen für die Beziehung?
Nein. Kollusion ist normal und betrifft praktisch jede Paarbeziehung in irgendeiner Form. Entscheidend ist nicht, ob sie da ist, sondern ob beide Partner sie erkennen und bewusst damit umgehen, statt sie automatisch auszuleben.
Wie erkenne ich mein eigenes Kollusionsthema?
Schau darauf, was du am Anfang am meisten an deinem Partner gemocht hast und worüber du jetzt am häufigsten mit ihm oder ihr streitest. Häufig ist beides dieselbe Eigenschaft, nur einmal als Anziehung und einmal als Reibung erlebt.
Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Der Autor
Fabian Schaub
Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte
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