Blog · Körper und Gefühl · 3 Min. Lesezeit
Nichts freut mich mehr richtig
Es geht dir nicht schlecht, aber auch nicht gut. Warum Freude verschwindet, wenn andere Gefühle jahrelang weggedrückt wurden.
Von Fabian Schaub · 25. Juni 2026
Es geht dir nicht schlecht. Das ist das Verwirrende daran.
Du funktionierst, du machst deine Sachen, von außen ist alles in Ordnung. Freunde sagen, du hast doch alles.
Und du sitzt da und merkst: Es kommt nichts an.
Ein Erfolg, auf den du zwei Jahre hingearbeitet hast, fühlt sich nach drei Stunden nach nichts mehr an. Ein Urlaub ist schön und berührt dich nicht. Du bist nicht traurig. Du bist einfach flach.
Der Zusammenhang, den kaum jemand erwartet
Gefühle lassen sich nicht einzeln abschalten.
Das ist der Kern. Wer Trauer wegdrückt, drückt nicht nur Trauer weg. Wer Wut nicht zulässt, verliert nicht nur die Wut.
Das System, das Gefühle dämpft, arbeitet nicht selektiv. Es dreht die Lautstärke insgesamt herunter.
Und deshalb ist Flachheit oft der Preis dafür, dass du etwas nicht fühlen musstest. Du hast irgendwann gelernt, dass es besser ist, bestimmte Dinge nicht zu fühlen. Das hat funktioniert. Der Nebeneffekt ist, dass Freude denselben Weg nimmt.
Woran du merkst, dass es das ist
Ein paar Fragen.
Wann hast du zum letzten Mal geweint? Wenn du länger überlegen musst als ein paar Sekunden, ist das ein Hinweis.
Wann warst du zum letzten Mal richtig wütend? Nicht genervt. Wütend, sichtbar.
Gibt es etwas in deinem Leben, das nie betrauert wurde? Ein Tod, eine Trennung, ein Abschied, bei dem du weitergemacht hast, weil das gerade nötig war.
Wenn du bei allen drei Fragen ins Leere greifst, dann bist du nicht gefühllos. Du hältst etwas.
Wie das entsteht
Meistens gab es einen guten Grund.
Ein Kind in einer Familie, in der Gefühle nicht vorkamen, lernt, sie nicht zu zeigen. Ein Kind, das früh Verantwortung übernehmen musste, lernt zu funktionieren, weil funktionieren gebraucht wurde.
Mein Vater ist gestorben, als ich dreizehn war. Ich habe danach weitergemacht, weil ich nichts anderes wusste. Die Geschichte habe ich später oft erzählt, in Gruppen und auf der Bühne. Mit meiner Mutter habe ich über seinen Tod nie gesprochen.
Was ich damals gelernt habe, war: Weitermachen ist die einzige Option. Das hat mich durch die Schule getragen, durch das Studium und in die Selbstständigkeit.
Und es hat mich gleichzeitig von allem anderen abgeschnitten. Ich hatte mit 33 eine Firma, ein Auto, einen Körper, an dem alles stimmte. Und es hat mich nichts davon berührt.
Warum mehr Erlebnisse nichts ändern
Der naheliegende Reflex ist: Ich brauche mehr Input. Eine Reise, ein Projekt, ein neuer Reiz.
Das funktioniert für ein paar Tage. Der Grund, warum es nicht hält, ist einfach: Das Problem ist nicht zu wenig Erlebnis. Das Problem ist der Regler.
Solange der unten steht, kannst du dir jeden Reiz besorgen, den es gibt. Er kommt gedämpft an.
Ich kenne das sehr genau. Ich hatte mir einen Porsche gekauft, und die erste richtige Fahrt war für einen Sonntagmorgen im April geplant. Am Abend davor hat die Frau, die ich damals gedatet habe, die Sache beendet. Ich bin am nächsten Morgen trotzdem gefahren. Das war ganz seltsam, „weil Schmerz und Freude sich vermischt haben“. Das Auto hat am Liebeskummer nichts geändert.
Oder Bali. Ich sitze an einem Traumort, schaue über die Klippe aufs Meer, die Sonne scheint. Dann ruft meine Mutter an: Mein Opa hatte einen Schlaganfall. Du sitzt am schönsten Ort der Welt, und innen bricht trotzdem alles zusammen. Der Ort ändert nichts an dem, was in dir ist.
Die ganze Geschichte erzähle ich in Folge 4 des Podcasts: Warum bin ich so, wie ich bin?
Was tatsächlich etwas bewegt
Nicht mehr Positives. Sondern das, was unter dem Deckel liegt.
Das klingt unattraktiv, und es ist der einzige Weg, den ich kenne, der wirklich etwas verändert. Wenn Trauer, die jahrelang gewartet hat, einmal da sein darf, dann bewegt sich der Regler. Nicht nur für Trauer.
Viele beschreiben nach so einer Erfahrung dasselbe: dass Farben wieder kräftiger sind. Das klingt kitschig, es sagen trotzdem sehr viele Menschen genau das.
Warum Reden allein an dieser Stelle selten reicht, steht in diesem Beitrag. Und was mit unterdrückter Trauer passiert, steht in diesem hier.
Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Der Autor
Fabian Schaub
Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte
Beziehung neu lernen
Du weißt, was du sagen willst. Und schluckst es trotzdem herunter.
Oder du hältst es so lange zurück, bis es herausbricht, und hast danach ein schlechtes Gewissen. Dahinter steckt ein kindheitliches Prägungsmuster aus deinen ersten sieben Lebensjahren. In Beziehung neu lernen übst du in echten Situationen, auszusprechen, was in dir los ist, und dabei im Kontakt zu bleiben.
Übungen ab dem ersten Tag, jede Woche ein Live-Call, in der ersten Woche ein persönliches Gespräch mit einer Wegbegleiterin. Einstieg jederzeit.
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