Kindheitliche Prägungsmuster

Blog · Körper und Gefühl · 5 Min. Lesezeit

Gefühle wahrnehmen lernen: Warum „gestresst“ kein Gefühl ist

Du sagst gestresst, genervt oder allein und weißt nicht, was du fühlst. Wie du lernst, deine Gefühle wahrzunehmen, und was unter dem Stress meist liegt.

Von Fabian Schaub · 29. Oktober 2026

Zweites Date, und es war richtig schön. Am nächsten Morgen schreibst du ihr. Acht Stunden später ist immer noch keine Antwort da. Du merkst, wie es in dir hochkocht. Am liebsten würdest du selbst einen Schlussstrich ziehen, bevor sie es tut.

Wenn dich in diesem Moment jemand fragt, was du fühlst, sagst du: Keine Ahnung. Unruhig. Irgendwie gestresst.

So ging es mir lange. Und genau da fängt das Thema an.

Warum du Gefühle nicht einfach nachschlagen kannst

Wenn ich dich frage, wie man einen Marmorkuchen backt, kriegst du das irgendwie zusammen. Eier, Mehl, Zucker, in einer bestimmten Menge. Zur Not schaust du schnell nach.

Wenn du nachschlägst, welche Gefühle es gibt, bekommst du eine endlose Liste. Hunderte Begriffe, jeder mit einer eigenen Beschreibung. Und wenn ich dich bitte, aus dem Stand aufzuzählen, was du in den letzten zwei Stunden gefühlt hast, wird es still.

Das ist kein Zufall. Die meisten Menschen haben Gefühle nie wahrnehmen gelernt. Sie haben gelernt, sie zu beschreiben. Das ist ein großer Unterschied.

„Ich fühle mich allein“ ist kein Gefühl

Neulich sagte jemand im Gespräch zu mir: „Dann fühle ich mich allein.“ Ich habe geantwortet: So wie unser Gespräch gerade läuft, ist das kein Gefühl. Das ist eine Zustandsbeschreibung.

Ein Mensch, der sich wirklich allein fühlt, müsste tief traurig sein. Er müsste von der Energie her nach innen zusammengesackt sein. Einsamkeit ist etwas Isoliertes, Stilles. Wie ein Kind, das in einem dunklen Zimmer sitzt, nach der Mutter geschrien hat und merkt: Die kommt nicht mehr. Der Moment nach dem Schreien, wenn klar wird, da kommt keiner. Das ist für mich Einsamkeit.

So hat die Person aber nicht gesprochen. Was in ihr eigentlich los war, war etwas anderes.

Gestresst, genervt, unruhig, überfordert, allein. Das sind fast alles Wörter für einen Zustand. Sie sagen, wie es dir geht. Sie sagen nicht, was du fühlst.

Was unter der Zustandsbeschreibung oft liegt

Wenn der andere noch vor dir steht und gerade geht, fühlst du dich nicht allein. Dann bist du wütend, dass er geht und es nicht so macht, wie du willst. Aber weil du die Wut nicht aushältst und nicht weißt, wohin damit, sagst du aus dem Kopf heraus: Ich fühle mich allein.

Bei den meisten Menschen, die so sprechen, vermute ich eine große Wut, zu der sie noch nie Kontakt hatten.

Mit Wut meine ich nicht, im Streit herumzubrüllen und Sachen durch die Gegend zu werfen. Oft ist genau das Brüllen der Ausweg aus etwas anderem: Du bist eigentlich tief traurig und machst Lärm, damit du es nicht spürst. Bei vielen Menschen sind Wut und Trauer vertauscht. Sie werden traurig, wenn sie wütend sind, oder wütend, wenn sie traurig sind.

Für mich waren die schwersten Momente, in denen ich am liebsten wieder zurück wollte, genau die, in denen ich echte Wut gespürt habe. Wut, die ich nicht zeigen wollte, weil ich mir als Kind vorgestellt hatte, dass ich damit ganz viel kaputt mache und Menschen verletze.

Warum Atmen und Analysieren bei mir nicht gereicht haben

Ich habe über Jahre sehr viel Geld und Zeit in Ausbildungen gesteckt. Ein großer Teil davon drehte sich darum, meine Gefühle zu verstehen und zu regulieren. Ich habe atmen gelernt, mich mit Spiritualität beschäftigt, mit Sprache und Logik. Ich habe seitenweise Journal geschrieben, um mir alles zu erklären.

Meine Probleme haben sich trotzdem nicht verändert, obwohl ich besser durchatmen konnte.

Irgendwann habe ich verstanden, warum: Wenn du immer traurig wirst, obwohl du eigentlich wütend bist, und dann diese Trauer regulierst, hast du die Wut trotzdem nie gefühlt. Du hast das falsche Gefühl beruhigt.

Das Wegrennen vor dem eigenen Gefühl kenne ich gut. Ich treffe eine Frau, finde sie toll, und plötzlich will ich nur noch weg, sobald sie im Raum ist. Am meisten bin ich vor dem unbekannten, unbenennbaren Gefühl in mir weggelaufen, das diese Spannung erzeugt. Ich konnte es nicht benennen. Ich wusste nicht, dass ich einfach nur traurig war.

Woher das kommt

Gefühle wahrnehmen lernt ein Kind nicht aus Büchern. Es lernt es daran, wie die Erwachsenen um es herum mit Gefühlen umgehen.

Wenn eine Mutter im Streit weint, aufspringt und rausrennt, kann ein Kind das nicht einordnen. Meistens ist kein Erwachsener da, der sagt: Mein Schatz, die Mama ist gerade sehr traurig. Das hat nichts mit dir zu tun. Also schaut das Kind nur auf das Verhalten und muss selbst herausfinden, was das mit ihm zu tun hat.

So entsteht in den ersten sieben Lebensjahren eine innere Landkarte, auf der viele Gefühle keinen Namen haben. Manche sind gefährlich, manche verboten, manche einfach nie vorgekommen. Als Erwachsener spürst du dann im Körper Spannung und Unruhe, aber das Wort dafür fehlt. Wie sich das im Körper festsetzt, beschreibe ich in Innere Anspannung lösen.

Gefühle wahrnehmen lernen: drei Fragen für den Alltag

Du musst keine hundert Gefühle kennen. Es reicht, wenn du anfängst, die Zustandsbeschreibung zu bemerken und darunter zu schauen.

  1. 1Bemerke dein Zustandswort. Gestresst, genervt, unruhig, allein. Sobald du so ein Wort denkst, halte kurz an. Das ist dein Signal, dass darunter etwas liegt.
  2. 2Frag dich, in welche Richtung die Energie geht. Will etwas nach außen, etwas wegschieben, etwas verändern? Dann ist es oft Wut. Sackt etwas nach innen, wird schwer und still? Dann ist es oft Trauer.
  3. 3Frag, was das Gefühl gerade gern tun würde. Nicht, was vernünftig wäre. Sondern was der Impuls will: laut werden, weinen, sich bewegen, gehen.

Mehr musst du am Anfang nicht tun. Wahrnehmen ist der erste Schritt. Das Gefühl auch auszudrücken ist der zweite. Wie das geht und warum Reden allein dafür selten reicht, steht in Ausdrucksarbeit: Warum Reden allein oft nichts ändert. Und wenn du merkst, dass vor allem die Trauer fehlt: Trauer unterdrücken.

Mehr dazu, warum sich dein inneres Programm so richtig anfühlt, obwohl es dir schadet, erzähle ich in Folge 12 des Podcasts: Generation beziehungsunfähig? Was deine Kindheit damit zu tun hat

Häufige Fragen

Warum kann ich meine Gefühle nicht wahrnehmen?

Weil du als Kind wahrscheinlich nicht gelernt hast, sie zu benennen, oder weil bestimmte Gefühle in deiner Familie gefährlich waren. Dann spürst du heute Spannung im Körper, aber kein klares Gefühl.

Ist „gestresst“ ein Gefühl?

Nein. Gestresst, genervt oder überfordert beschreiben einen Zustand. Darunter liegt meist Wut oder Trauer, die du gerade nicht spürst.

Was ist der Unterschied zwischen Gefühle wahrnehmen und Gefühle ausdrücken?

Wahrnehmen heißt, zu merken, was in dir los ist, und es benennen zu können. Ausdrücken heißt, dem Gefühl dann auch Raum zu geben, mit Stimme und Körper. Ohne das Erste klappt das Zweite selten.

Wie lange dauert es, Gefühle wahrnehmen zu lernen?

Das ist bei jedem anders. Der Anfang geht schnell: Sobald du deine Zustandswörter bemerkst, fängst du an, darunter zu schauen. Sicher wird es mit der Übung im Alltag.

Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Fabian Schaub

Der Autor

Fabian Schaub

Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte

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