Kindheitliche Prägungsmuster

Blog · Körper und Gefühl · 5 Min. Lesezeit

Ausdrucksarbeit: Warum Reden allein oft nichts ändert

Du hast alles verstanden und es ändert sich nichts. Warum Einsicht allein selten reicht und was Ausdrucksarbeit anders macht.

Von Fabian Schaub · 4. August 2026

Du kennst dein Thema. Du kannst es erklären, mit Vorgeschichte und Zusammenhang. Vielleicht hast du sogar den Fachbegriff dafür gelernt.

Und es ändert sich nichts.

Das ist kein Zeichen dafür, dass du zu wenig verstanden hast. Es ist ein Zeichen dafür, dass Verstehen an dieser Stelle nicht die Währung ist.

Warum Einsicht oft nicht reicht

Alte Erfahrungen liegen nicht als Text in dir. Sie liegen als Reaktion vor.

Ein Beispiel: Du weißt genau, warum du in Konflikten dichtmachst. Du kannst es sauber herleiten. Und im nächsten Streit machst du dicht, bevor der erste Gedanke fertig ist.

Das liegt daran, dass diese Reaktionen entstanden sind, bevor du sprechen konntest. Sie laufen in einem Teil des Systems, den du mit Worten nicht direkt erreichst.

Deshalb kannst du ein Thema jahrelang besprechen und trotzdem jedes Mal gleich reagieren.

Mich erinnert das an meine Zeit im Fitnessstudio. Lauter Menschen, die das Gleiche tun, nebeneinander, jeden Tag. „Aber keiner hat echten Kontakt.“ Mit Einsicht ist es ähnlich: Du kannst Jahre neben deinem Thema verbringen, es kennen, darüber reden, und trotzdem nie wirklich mit ihm in Kontakt gewesen sein. Warum Veränderung Kontakt und andere Menschen braucht, die an denselben Themen arbeiten, darüber spreche ich in Folge 11 des Podcasts: Warum sind Communities so wichtig?

Was zurückgehalten wird

Zwischen Psyche und Körper stehen Spannungen. Das sind Impulse, die du nicht rauslässt.

Vier kommen immer wieder vor: Wut, Trauer, Aggression und Sexualität.

Festgehalten werden sie von zwei Gefühlen, die jeder kennt: Schuld und Scham.

Ein Kind, das gelernt hat, dass Wut gefährlich ist, hält Wut zurück. Nicht einmal, sondern dauerhaft. Und Zurückhalten ist eine körperliche Leistung. Sie kostet Kraft, jeden Tag, jahrzehntelang.

Ich kenne das von mir. Als Single war für mich der Sonntagnachmittag das Schlimmste. Alle, die in Beziehung sind, haben keine Zeit, alles hat zu, und ich sitze allein auf dem Sofa und weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich hätte damals gesagt, ich bin gestresst, genervt, unruhig. Aber ich hätte nie gesagt: Ich fühle mich gerade tief einsam. Also bin ich zum Crossfit gegangen und habe mich so weit ausgepowert, dass das Gefühl weg war. Danach Hunger, essen, müde. Ausgedrückt war damit nichts. Mehr dazu erzähle ich in Folge 9 des Podcasts: Ich fühle mich einsam, obwohl ich nicht allein bin

Das ist auch der Grund, warum viele Menschen dauerhaft angespannt sind, ohne einen Anlass zu haben. Mehr dazu steht in diesem Beitrag.

Was Ausdrucksarbeit macht

Sie holt den Impuls nach außen, statt über ihn zu sprechen.

Das kann laut sein. Manche schreien zum ersten Mal seit dreißig Jahren. Manche weinen an einer Stelle, an der sie es damals nicht durften. Manche schlagen auf ein Kissen ein und merken erst dabei, wie viel da ist.

Das klingt nach wenig Feinsinn. Es ist aber der Punkt, an dem sich etwas bewegt, das durch Gespräche nicht zu bewegen war.

Wichtig dabei: Es geht nicht darum, sich abzureagieren. Es geht darum, dass ein Impuls, der jahrelang festgehalten wurde, einmal seinen Weg zu Ende gehen darf. Danach muss er nicht mehr gehalten werden.

Woran du merkst, dass du das noch nicht hattest

Zwei Fragen.

Hast du in einem Coaching schon einmal geschrien?

Hast du schon einmal gestalttherapeutisch mit Ausdruck gearbeitet?

Wenn zweimal nein, dann warst du bisher an der Oberfläche.

Das ist kein Vorwurf. Bindungstypen lesen, Trigger benennen, Bedürfnisse kommunizieren, das ist alles richtig. Ich hatte das auch. Es hat bei mir nichts verändert, weil ich damit über mein Thema geredet habe, statt hineinzugehen.

Ich habe über acht Jahre sehr viel Geld in Ausbildungen gesteckt. Ein großer Teil davon drehte sich darum, meine Gefühle zu regulieren. Was ich erst spät verstanden habe: „Wenn du immer traurig wirst, obwohl du wütend bist, und diese Trauer regulierst, hast du die Wut trotzdem nie gefühlt.“ Meine Probleme waren dieselben, ich konnte nur besser durchatmen.

Wie wenig das reicht, habe ich in einem halben Jahr On-off mit einer Frau gemerkt, die in einer Beziehung war. Ich konnte mir rational nicht erklären, warum ich so handle. Manchmal bin ich morgens aufgewacht mit einem riesigen Kloß im Bauch, tief traurig, und konnte nicht arbeiten. Ich habe geatmet, bin spazieren gegangen, habe Sport gemacht. Weggegangen ist es nicht. Der Impuls, ihr einmal klar und laut zu sagen, dass ich das so nicht mehr mitmache, blieb drin. Ich war freundlich. Davon erzähle ich in Folge 1 des Podcasts: Warum bin ich beziehungsunfähig?

Und ich weiß noch, wie sich meine erste Ausdrucksarbeit angefühlt hat. Ich sollte einem Menschen in die Augen schauen und ihn anschreien: „Hör auf damit!“ Mit dem Wissen, dass ich in diesem Moment eigentlich meine Mutter meine. Alles in mir hat gesagt: „Darf ich nicht, kann ich nicht, geht nicht.“ Ich bin trotzdem durchgegangen. Danach kam eine Freiheit, die ich vorher nicht kannte. Genau die Stellen, an denen alles in dir „mache ich nicht“ schreit, sind die, an denen es weitergeht.

Was das nicht ist

Es ist kein Wutseminar und kein Katharsis-Versprechen. Sich einmal auszutoben verändert nichts, wenn danach nichts eingeordnet wird.

Der Ausdruck ist der eine Teil. Der andere ist, dass jemand daneben steht, der weiß, was da hochkommt, und der mit dir zusammen einordnet, wohin es gehört.

Ohne diesen zweiten Teil ist es nur laut.

Und es ist Coaching. Wo der Unterschied zur Therapie liegt, steht in diesem Beitrag.

Für Coaches

Wenn du selbst mit Menschen arbeitest: Die Frage ist nicht, ob du die Methode kennst. Die Frage ist, wie tief du selbst schon gegangen bist.

Du kannst niemanden an einen Ort führen, an dem du nie warst. Das merkt der Klient sofort, und dann geht er nicht mit.

Ich sage es so: „Ein Trainer kann nicht so weit trainieren, wie er selbst geschaut hat.“ Viele meiner eigenen Ausbilder waren genau an den Stellen nicht, die ich gebraucht hätte. Sie konnten ihrer Mutter selbst nicht Nein sagen. Gerade deshalb fand ich sie so faszinierend: Sie haben dieselben Stellen gemieden wie ich. Die ganze Geschichte erzähle ich in Folge 4 des Podcasts: Warum bin ich so, wie ich bin?

Deshalb steht in meiner Ausbildung das eigene Erleben vor der Technik. Erst erleben, dann das Modell verstehen, dann die Technik, dann die eigene Praxis.

Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Fabian Schaub

Der Autor

Fabian Schaub

Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte

Beziehung neu lernen

Du weißt, was du sagen willst. Und schluckst es trotzdem herunter.

Oder du hältst es so lange zurück, bis es herausbricht, und hast danach ein schlechtes Gewissen. Dahinter steckt ein kindheitliches Prägungsmuster aus deinen ersten sieben Lebensjahren. In Beziehung neu lernen übst du in echten Situationen, auszusprechen, was in dir los ist, und dabei im Kontakt zu bleiben.

Übungen ab dem ersten Tag, jede Woche ein Live-Call, in der ersten Woche ein persönliches Gespräch mit einer Wegbegleiterin. Einstieg jederzeit.

Noch nicht sicher, ob das zu dir passt? Der Charaktertest ist kostenfrei und dauert rund acht Minuten.

Weiterlesen