Blog · Beziehung · 5 Min. Lesezeit
Verliebtheit oder Liebe: Woran du den Unterschied merkst
Kribbeln, Sog, 500 Kilometer für ein Treffen: Das ist Verliebtheit. Woran du Liebe erkennst und warum sie dort beginnt, wo es unbequem wird.
Von Fabian Schaub · 29. Oktober 2026
Freitag, 18 Uhr. Du sitzt im Auto, vor dir 500 Kilometer Autobahn, und du fährst sie gern. Am Ende wartet ein Mensch, den du erst seit drei Wochen kennst und an den du seitdem ununterbrochen denkst. Dein Bauch kribbelt, du hast kaum geschlafen, und du bist dir sicher: Das ist es.
Ich bin diese Strecke selbst oft gefahren. Und ich kann dir heute sagen: Das war Verliebtheit. Mit Liebe hatte es weniger zu tun, als ich damals dachte.
Wie sich Verliebtheit anfühlt
Wenn ich zurückschaue, gab es Frauen, bei denen ich dieses Kribbeln hatte. Sie waren dauernd in meinem Kopf. Ich wollte sie unbedingt sehen, habe mich ins Auto gesetzt und bin 500 Kilometer gefahren, um alles möglich zu machen. Ein ganz starker Sog zueinander, mit einer tiefen sexuellen Spannung. In dieser Intensität habe ich das vielleicht sechs, sieben Mal erlebt.
Da steckt natürlich auch mehr drin. Der Wunsch nach Verbundenheit. Der Wunsch, dem anderen etwas Gutes zu tun, Dinge möglich zu machen. Ich fand es immer toll, etwas zeigen zu können: das erste Mal in einem Auto mit mehr als 200 PS, das Wellnesshotel am Wochenende. Aber im Kern war meine Verliebtheit vor allem eines: viele Impulse, die in mir kribbeln.
Die ehrliche Frage: Wie oft war ich wirklich in Kontakt?
Mir hat einmal jemand die Frage gestellt, wie oft ich mit den Frauen, die ich gedatet habe, wirklich in Kontakt war. Meine Antwort kam schneller, als mir lieb war: aus heutiger Sicht nie.
Mit Kontakt meine ich: Ich nehme den anderen wahr, sehe mich in ihm gespiegelt und renne nicht sofort hinaus. Verliebt war ich oft. In Kontakt war ich das erste Mal mit meiner Frau.
Das ist für mich der Kern des Unterschieds. Verliebt bin ich vor allem bei meinen eigenen Impulsen. Das Kribbeln, die Aufregung, das Gedankenkreisen, das passiert alles in mir. Den anderen sehe ich dabei kaum. Ich sehe das Bild, das ich mir von ihm mache. Liebe beginnt dort, wo ich den echten Menschen sehe, auch an den Stellen, an denen er nicht in mein Bild passt.
Warum sich manche Menschen sofort wie Seelenpartner anfühlen
Du kennst vielleicht diese Geschichten. Zwei Menschen treffen sich und verbringen direkt vier Tage miteinander. Es ist, als würden sie sich schon 10.000 Jahre kennen. Endlich der Seelenpartner.
Ich sehe das heute nüchterner. Wenn sich ein fremder Mensch so vertraut anfühlt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du einfach nur genau weißt, wie sich sein alter Schmerz anfühlt. Er trägt etwas, das du aus deiner eigenen Kindheit kennst. Das fühlt sich an wie Heimat und ist oft der Anfang einer Wiederholung.
Je magischer der Anfang, desto genauer würde ich hinschauen. Warum du dich immer wieder zu derselben Art Mensch hingezogen fühlst, beschreibe ich in Warum ziehe ich immer den gleichen Typ Mann an?.
Wenn das Kribbeln nachlässt
Verliebtheit hält nicht ewig, und das ist kein Fehler. Irgendwann ist das Bild nicht mehr stark genug, und der echte Mensch kommt zum Vorschein: mit eigenen Wünschen, eigenen Launen, eigenen Grenzen. Genau hier trennen sich viele. Sie glauben, die Liebe sei weg. In Wahrheit ist nur die Verliebtheit vorbei, und die Liebe hätte jetzt beginnen können.
Wann das bei dir typischerweise passiert, ist oft erstaunlich gleich. Mehr dazu in Beziehung nach 8 Monaten: Wenn die Luft raus ist.
Woran du Liebe erkennst
Mit meiner Frau war es anders, und das lag nicht an einem stärkeren Kribbeln. Mir ist irgendwann klar geworden: Egal was jetzt passiert, wir finden einen Weg durch. Und sie hat dasselbe gesagt. Dann haben wir das gemacht, was Verliebtheit nie verlangt: an uns selbst gearbeitet, in Coachings und in der Paartherapie.
Liebe ist für mich deshalb kein stärkeres Gefühl als Verliebtheit. Sie ist eine andere Richtung. Verliebtheit schaut auf das, was in mir passiert. Liebe schaut auf den anderen und bleibt, wenn es unbequem wird.
Ehrlich gesagt ist das bei mir bis heute kein fertiger Zustand. Der Kontakt hält oft genau so lange, bis ich mich selbst fühle. Dann sagt etwas in mir: Ciao. Meine Standardantwort auf jedes schlechte Gefühl war immer Arbeiten. Etwas tun. Der Unterschied zu früher: Ich merke es heute, und ich kann wieder zurückkommen.
Was du jetzt tun kannst
Drei Fragen, mit denen du für dich selbst klärst, wo du gerade stehst:
- 1Wenn du an diesen Menschen denkst: Was spürst du vor allem in dir, und was weißt du wirklich über ihn?
- 2Was an ihm passt gerade nicht in dein Bild, und wie gehst du damit um?
- 3Was tust du, wenn ein unangenehmes Gefühl in der Beziehung auftaucht: bleiben und es sagen oder dich in Arbeit, Sport oder Abstand retten?
Wenn du merkst, dass du schon beim ersten Anflug von Nähe innerlich auf Abstand gehst, lies Warum es bei dir nie länger als ein paar Monate hält.
Wie ich das selbst erlebt habe, erzähle ich in Folge 4 des Podcasts: Warum bin ich so, wie ich bin? Über das Gefühl, den Seelenpartner gefunden zu haben, spreche ich in Folge 10: Warum ziehe ich immer Narzissten an?
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe?
Verliebtheit spielt sich vor allem in dir ab: Kribbeln, Sog, Gedankenkreisen. Liebe beginnt dort, wo du den echten Menschen siehst und bleibst, auch wenn er nicht in dein Bild passt.
Wann wird aus Verliebtheit Liebe?
Nicht automatisch nach einer bestimmten Zeit. Meist dann, wenn die Verliebtheit nachlässt und du dich entscheidest, hinzuschauen statt zu gehen.
Ist es schlecht, wenn das Kribbeln nachlässt?
Nein. Das Nachlassen ist oft der Moment, an dem du den anderen zum ersten Mal wirklich siehst. Ob daraus Liebe wird, entscheidet sich danach.
Warum fühlt sich jemand sofort wie mein Seelenpartner an?
Oft, weil du genau kennst, wie sich sein alter Schmerz anfühlt. Diese Vertrautheit ist echt, aber sie sagt mehr über deine Geschichte als über die Zukunft mit diesem Menschen.
Coaching ist keine Therapie und kein Ersatz für ärztliche Behandlung. Was ich hier beschreibe, sind Muster, wie ich sie in der Arbeit mit Menschen und an mir selbst sehe. Ich kann dir keine Heilung versprechen. Und keine Beziehung.

Der Autor
Fabian Schaub
Coach für kindheitliche Prägungsmuster und Gestaltcoach, Nürnberg. Über 500 bezahlte Einzelsitzungen in 18 Monaten, über 2.500 Stunden eigene Ausbildung. Bildet Coaches für kindheitliche Prägungsmuster aus. Länger Single als in Beziehung, heute verlobt. Die ganze Geschichte
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